Wie ein Glas guter, alter Wein – Deep Purple mit Peter Frampton in der SAP-Arena MA (02.11.2013)

 

 

Was erwartet man, wenn man eine Eintrittskarte für Deep Purple zu seinem eigenen 60. Geburtstag geschenkt bekommt? Nun, nichts anderes als die Heroen seiner Jugend noch einmal zu sehen – es könnte ja das letzte Mal sein – und schauen, was die nach so vielen Jahren als Top Rockband noch zu bieten haben. Mit einem Peter Frampton im Vorprogramm wird man natürlich noch neugieriger.

Und um gleich mal vorweg zu sagen, was man nicht erwartet: sicher keine sog. „zeitgemässe“ Bühnenshow mit effekthaschender Lightshow. Abgesehen davon, dass so etwas meine Generation eh nicht so gut findet, lenkt es von der eigentlichen Hauptsache ab, nämlich der handwerklich perfekt dargebotenen Musik. Das alles sei mal dem guten Hrn. Welke (Bj. 1969) von den Stuttgarter Nachrichten ins Gebetbuch geschrieben, der alterskonform wohl eher auf glattgebügelten Elektropop der 80er und 90er steht, welcher ohne die solistischen Ausflüge der 70er auskam. Aber viele der modernen Bands brauchen eine aufwendige Bühnenshow, um von ihren musikalischen Schwächen abzulenken. Daher kommen dann auch die hektischen Kamera-Umschnitte der „Lady Gaga Generation“. Was „wir“ davon halten, kann man in mehr als 5 Dutzend Rezensionen in Amazon zur „Celebration Day DVD“ von Led Zeppelin nachlesen. Mein guter Hr. Welke, wir wollen die Musik und die „Arbeit“ der Protagonisten an ihren Instrumenten in Ruhe anschauen und geniessen, ob sie nun Ritchie Blackmore, Jimmy Page oder Steve Morse heissen. Wer das mit einer fehlenden Bühnenshow verwechselt, hat entweder seinen Beruf verfehlt oder schlicht das falsche Alter; bei Hrn. Welke befürchte ich leider fast beides…..

 

Das Mannheimer Set war nun samt Vorprogramm nahezu identisch mit Stuttgart, ich hatte jedoch den Eindruck dass sich sowohl Künstler als auch Publikum dabei wohl fühlten und das auch gegenseitig zum Ausdruck brachten (siehe auch Konzert-Bericht im Mannheimer Morgen von Jörg-Peter Klotz, 04.11.2013, sowie Jürgen Roth in der FAZ, 04.11.2013). Zur Kenntnis genommen habe ich jedoch, dass wohl Ian Gillan 2 Tage vorher beim Stuttgarter Auftritt tatsächlich Probleme mit seiner Stimme hatte. Selbiges hatte mir auch mein Sohn vom Skiarena-Auftritt in Ischgl Ende April berichtet. In Mannheim war es offensichtlich nicht so, auch wenn er sich die eine oder andere Auszeit genommen hat, während seine Kollegen in Solos brillierten. Das ist aber bei Deep Purple eigentlich ganz normal. Dass er sich selbst nicht mehr so ganz ernst nimmt, dokumentiert die Aufschrift auf seinem T-Shirt „Too late to die young“. Aber eigentlich möchte man darüber ganz froh sein, denn obwohl nicht unbedingt erwartet, waren diese Deep Purple anno 2013 wie ein Glas guter, alter Wein.

 

Schon die Einstimmung durch den Lyrik-Altrocker Peter Frampton zeigte die Richtung, nämlich guten handgemachten Rock ohne Schnick-Schnack. Dabei schlägt Frampton mit seiner jungen Begleitband durchaus noch die sanfteren Töne an. Einzig der Bassist ist Begleiter aus seinen grossen alten Tagen Mitte der 70er, als sein „Frampton comes alive“ die Charts stürmte. Entsprechend bestand das ca. 1-stündige Set auch weitgehend aus seinen Hits dieser Zeit („Show me the Way“, „Baby, I love your Way“ etc.), mit Ausnahme des gut gecoverten „Black Hole Sun“. Und nicht zu vergessen, Peter Frampton ist einer der Meister des Vocoders, bei dem mit Hilfe von gleichzeitig gespielten Tönen auf der Gitarre der Gesang verfremdet wird. Entsprechend wollte das Publikum, das bereits gut eingestimmt war, ihn auch an dem dafür vorbereiteten Mikrofon öfter sehen.

 

Nach halbstündiger Umbau-Pause übernimmt dann aber Deep Purple auf aufgeräumter Bühne die Regentschaft, gleich richtig heftig mit „Apres-Vous“ vom aktuellen Album. Überhaupt werden mit insgesamt 5 Stücken von dieser Scheibe starke Akzente in der Gegenwart gesetzt. Sicher hat sich Deep Purple im Laufe seiner Bandgeschichte und nach diversen Umbesetzungen mehrfach neu erfunden. Das war so 1974 als nach dem erstmaligen Weggang von Gillan und Glover mit der LP Burn die Coverdale-Ära und Zeit des Funk-Soul-Rocks begann. Das war so nach der Reunion 1984, nach dem endgültigen Ausscheiden von Gründungsmitglied Ritchie Blackmore 1994 und dem damit verbundenen Einstieg von Steve Morse, der den Sound von Deep Purple erheblich verändert hat. Und das war ein letztes Mal der Fall, als 2002 schliesslich noch Jon Lord ausstieg, um sich im Alter in Ruhe seinen eigenen Projekten zu widmen, bis er schlieslich im Juli 2012 mit 71 Jahren viel zu früh verstarb. Ihm ist auch das neue Album gewidmet, das sich in vielen Facetten dem Thema Zeit widmet und bezeichnend mit „Now What ?!“ betitelt ist. Mit „Above and Beyond“ von dieser LP wurde eben jener Jon Lord dann auch nochmal bei diesem Konzert geehrt.

 

Aber natürlich durfen auch die alten Kracher nicht fehlen, wie „Strange Kind of Woman“, „Into the Fire“, „Smoke on the Water“ oder „Black Night“. Nur, es ist eben nicht der Griff in die Mottenkiste, sondern Deep Purple ist inzwischen die beste Coverband von Deep Purple geworden, um das mal so zu umschreiben. Was eben massgeblich daran liegt, dass dieser Teufelsgitarrist Steve Morse den Sound ganz erheblich umgekrempelt hat. Mehr als deutlich wird das in seinem „Schokoladenpart“ mit nacheinander „Contact Lost“, „Uncommon Man“ (vom neuen Album) und „The Well Dressed Guitar“, welches nach Beendigung das staunende Publikum für einen Moment sprachlos zurücklässt, ob der gerade demonstrierten Virtuosität. Während die Lightshow im durchaus angemessenen Rahmen dezent blieb, sind mir noch 2 Dinge aufgefallen, die ich so noch nie gesehen hatte. Auf den beiden Videowänden rechts und links der Bühne wurden die Akteure grossformatig in Ihren (unprätentiösen) Aktionen gezeigt, aber ohne dass Kameraleute auf der Bühne herumwuselten und das Bild störten. Offensichtlich wurde mit fest installierten recht kleinen Video-Kameras gearbeitet, die verfeinerte Technik von heute macht’s möglich. Aufgefallen ist mir nur, dass Steve Morse immer an einem bestimmten Platz stand, wenn er grossformatig zu sehen war. Genau das und die offensichtlich einstudierten „Improvisationsteile“ sind nun der einzige kleine Kritikpunkt, und eigentlich auch der heutigen Perfektion geschuldet. Alle 5 Musiker sind 150%ige Profis, die alles können, aber eben auch alles einstudiert hatten, sogar das Gitarre-Orgel-Duell im Zugabenteil, an dessen Ende sich Steve Morse und Don Airey versöhnlich die Hand schüttelten. Und noch ein Letztes: Eines von vielen Soli war natürlich auch das Schlagzeug-Solo von Ian Paice in „The Mule“. Natürlich war der mehrfach ausgezeichnete Weltklasse-Drummer Herr seines Instrumentes, aber ein Drum Solo im Dunkeln mit leuchtenden Sticks hatte ich bis dahin auch noch nie gesehen. Allein das war schon den (allerdings hohen) Eintritt wert. So nimmt sich eben jeder aus einem solchen Konzert mit, was er als wichtig ansieht. Prinzipiell sollte aber die Richtung stimmen, und wenn ich eben zu Deep Purple gehe, weiss ich, was mich erwartet. Auf jeden Fall nicht Foreigner oder Asia. So ist das eben mit gutem, alten Wein: auch da schmeckt nicht jede Sorte jedem.

 

In diesem Sinne: Keep on Rocking.

 

Joe

 

 

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