Vergleichende Kritik der beiden Konzerte von Whitesnake am 02.12.2015 in Utrecht und von Rainbow am 18.06.2016 in Bietigheim-Bissingen

 

 

Whitesnake (02.12.2015 Utrecht)

 

Band:

 

David Coverdale, voc

Reb Beach, g, voc

Joel Hoekstra, g, voc

Michael Devin, bg, harm, voc

Tommy Aldridge, dr

Michele Luppi, keyb

Gast: Adrian Vandenberg, g

 

 

Setlist:

 

1)    Burn (DP Burn)

2)    Bad Boys (WS 1987)

3)    Love Ain’t no Stranger (WS Slide It In)

4)    The Gypsy (DP Stormbringer)

5)    Give Me All Your Love (WS 1987)

6)    You Keep On Moving (DP Come Taste The Band)

7)    Ain’t no Love in the Heart of the City (WS Live… In The Heart Of The City)

8)    Guitar Solo Reb Beach / Joel Hoekstra

9)    Mistreated (DP Burn)

10) You Fool no One incl. Drum Solo Tommy Aldridge (DP Burn)

11) Soldier of Fortune (DP Stormbringer)

12) Is This Love? (WS 1987)

13) Fool for Your Loving (WS Slip of the Tongue)

14) Here I go again (w. Adrian Vandenberg) (WS 1987)

15) Encore: Still of the Night (w. Adrian Vandenberg) (WS 1987)

 

von “The Purple Album”, von”1987”

 

 

Rainbow (18.06.2016 Bietigheim))

 

Band:

 

Ronnie Romero, voc

Ritchie Blackmore, g

Jens Johansson, keyb

Bob Nouveau, bg

David Keith, dr

Candice Night, Christine, back voc

 

 

Setlist:

 

1)    Intro / Highway Star (9:26)

2)    Spotlight Kid (5:34)

3)    Mistreated (9:55)

4)    Sixteenth Century Greensleeves (6:52)

5)    Since you been Gone (3:12)

6)    Man on the Silver Mountain (6:16)

7)    Difficult to Cure (16:55)

8)    Catch the Rainbow (9:13)

9)    Perfect Strangers (6:32)

10) Stargazer (9:10)

11) Long live Rock’n Roll (6:47)

12) Child in Time (10:49)

13) Black Night (6:36)

14) Smoke on the Water (Encore) (6:04)

 

Stücke von Deep Purple, Stücke von Rainbow

 

 

In letzter Zeit gab es einige Aktivitäten im Umfeld der alternden Deep Purple und ihrer Ex-Mitglieder. Insbesondere nach dem Tod von Jon Lord, der am 16. Juli 2012 71-jährig verstarb, 3 Wochen nachdem er als letztes Projekt noch eine Studio-Neueinspielung des „Concerto for Group and Orchestra“ fertiggestellt hatte. Teilweise waren es sicher nachträgliche Huldigungen an den Meister der Hammond, teilweise waren die Projekte wohl auch unabhängig davon bereits vorher aufgegleist. Als letzte grosse Geste an Jon Lord ist sicher das Sunflower-Jam Konzert aus dem April 2014 anzusehen, in welchem viele seiner früheren Wegbegleiter in einem fast 3-stündigen Konzert nochmal Stücke von ihm darboten. Die letzte knappe Stunde bestritt dabei Deep Purple in ihrer aktuellen Altersbesetzung. Gefehlt haben Ritchie Blackmore und David Coverdale. Ich habe an anderer Stelle von diesem Konzert berichtet („Ehrung für einen grossen Meister der Gegenwart“ bei Amazon) und im Nov. 2013 auch Deep Purple selbst nochmal live erlebt (Konzertkritik: „Wie ein Glas guter, alter Wein“). Während es Ritchie bei einem Song als Hommage an Jon Lord beliess („Carry on… Jon“ auf dem Blackmore’s Night Album „Dancer and the Moon“ 2013), brauchte David Coverdale (DC) sehr viel länger, stellte aber 2015 gleich ein ganzes Album vor mit Cover-Versionen/Neueinspielungen bekannter Titel seiner Zeit bei Deep Purple (1974-1976), „The Purple Album“. Auch das habe ich besprochen („Back to the Roots, was für ein Brett“). Während aber DC gleich noch eine Tour dazu ankündigte (und auch machte), war die Ankündigung von Ritchie Blackmore, in 2016 nochmal ein paar Auftritte mit Rainbow absolvieren zu wollen, schon eher eine Überraschung. Zu sehr hatte man sich schon mit seinem „Rock-Rentner-Dasein“ bei Blackmore’s Night abgefunden. Inzwischen liegt mir Audio- und Video-Material vom Whitesnake-Auftritt am 02.12.2015 in Utrecht (NL) sowie vom Rainbow-Konzert am 18.06.2016 in Bietigheim vor, und ich will versuchen, beide Auftritte ein wenig vergleichend zu besprechen.

Um gleich mal provokativ mit einer „Gemeinsamkeit“ zu beginnen: beide sind zu alt! DC (Jg. 1951) kann nicht mehr singen, und Ritchie (Jg. 1945) hat seine Genialität auf der Gitarre verloren. Aber jetzt etwas detaillierter: DC hat die alten Deep-Purple-Kracher auf dem neuen Album nochmal richtig gut aufgepeppt, quasi ins neue Jahrhundert transformiert. Die beiden jungen Gitarristen gehören der Metal-Generation an und verstehen ihr Handwerk, benutzen neue, aber inzwischen schon etablierte Techniken wie das Finger-Tipping, welches Ritchie immer abgelehnt hat. Bei ihm muss jeder Ton durch Anschlagen hervorgerufen werden. Das hat er zu seinen besten Zeiten z.B. in „Child in Time“ und „Highway Star“ in atemberaubender Geschwindigkeit hinbekommen. Aber das ist lange her, und er ist inzwischen in dieser Hinsicht nur noch ein Schatten seiner selbst; die Jungen spielen ihm inzwischen die Ohren ab. Der Sound des Utrecht-Auftritts ist zwar insgesamt ziemlich bescheiden, aber die Darbietung der Band wird vor allem durch die beiden Gitarristen (Reb Beach, Joel Hoekstra) getragen, unterstützt durch eine formidable Rhythmussektion (Michael Devin, bg; Tommy Aldridge, dr). Eigentlich bin ich kein grosser Fan von „Haudrauf“ Aldridge, aber immerhin bietet er eine riesige Metal-Schiessbude auf, während der Drummer von Rainbow (David Keith) genau das Schlagzeug meines Sohnes in meiner eigenen Amateurband hat. Es wirkt wie ein Spielzeug, sein Drum-Solo stellenweise ziemlich amateurhaft. Beide Drummer dürfen sich in einem Drum-Solo präsentieren; aber dieser Vergleich geht nach den Gitarristen auch eindeutig zugunsten des Whitesnake-Drummers aus. Beim Keyborder sieht das etwas anders aus, da Michele Luppi, der erst seit Mitte 2015 bei Whitesnake ist, sowieso per Definition wenig „zu sagen“ hat. Die einstmals recht kräftige, aber schon immer rauhe Stimme von DC jedoch ist nun endgültig im Eimer. Gut klingt es nur, wenn die Gitarristen im Chor mitsingen oder Reb Beach bei Deep Purple-Stücken die Stimme von Glen Hughes übernimmt. Beim Live-Konzert werden nicht nur Stücke aus der Deep Purple Zeit dargeboten (6), sondern auch mehrheitlich vom Erfolgsalbum 1987 (5). Diese Mischung mit nur 3 Stücken von anderen Alben ist sehr gut, recht unterhaltsam und kommt den Fähigkeiten der Band in dieser Besetzung sehr entgegen, die beiden Gitarristen brillieren zusätzlich in einem Doppel-Solo-Teil. Also, abgesehen von der Stimme des Hauptprotagonisten und dem Gesamtsound, kann man den Auftritt von Whitesnake in Utrecht zum Abschluss der Tour durchaus als gelungen betrachten.

Das sieht bei Rainbow schon ein wenig anders aus. Zwar hat Torsten Reitz einen begeisterten Bericht geschrieben, den kann man auch erstmal so stehen lassen. Denn so hervorragende Bands wie Thin Lizzy, Manfred Mann’s Earthband und Rainbow an einem Nachmittag/Abend zu erleben, ist sicher in unserer heutigen Zeit ein ziemlich einmaliges Erlebnis. Er hat schon recht, dass es schon fast die Ausnahme ist, soviel handgemachte Rockmusik in einer Ladung zu bekommen. Zu sehr haben halt heute die Jungen nur noch elektronische Beats und Computergedudel auf den Ohren. Aber wenn das Publikum nun mal aus den Rock Fans der 70er und 80er-Jahre besteht, dann haben die halt auch eine Erinnerung und vielleicht auch einen Anspruch. Und genau der ist bei einem (ehemaligen) Weltklasse-Gitarristen wie Ritchie Blackmore eben sehr hoch; und um es gleich zu sagen, dem wird er nicht mehr gerecht!

Die Setlist ist oben zu ersehen, der Erlebnisbericht bei Torsten Reitz nachzulesen. Insofern will ich da nicht wiederholen, vieles ist richtig, manches nicht ganz, und manches erschliesst sich vielleicht auch erst beim 2. oder 3. Anhören/Ansehen des Video- oder Audiomaterials. Generell kann man sagen, dass diese Rainbow-Besetzung überhaupt nichts mit früheren zu tun hat. Ritchie hat schon immer gern das Personal ausgewechselt, aber es kommt natürlich auch dazu, dass viele hervorragende Akteure seiner früheren Rainbow-Inkarnationen leider nicht mehr unter uns sind (Ronnie James Dio, voc; Jimmy Bain, bg; Cozy Powell, dr), andere sind in anderen Bands gebunden (Roger Glover und Don Airey bei Deep Purple; Doogie White bei Michael Schenker). Insofern musste er aus der Not eine Tugend machen und eben frische junge Leute holen, nur für ein paar Auftritte in Deutschland und England. Die bringen nun durchaus unterschiedliche Qualität mit, und vor allem, die Band ist nicht eingespielt! Das merkt man leider recht oft, und der Meister hat alle Mühe, immer die richtigen Einsätze zu geben und verspielt sich sogar selbst ein ums andere Mal, etwas ganz Neues! Der Keyborder Jens Johansson kommt von der finnischen Band Stratovarius und bringt neben der Klassik den nötigen Background zu Purple- und Rainbow-Stücken mit. Er hat auch in „Difficult to Cure“ das längste Solo. Allerdings wirkt alles etwas abgehackt und collagenhaft; ein Jon Lord hat da mit viel feineren Übergängen gearbeitet. Vielleicht ist dieser Vergleich aber ein bischen unfair. Die Hammond bleibt in den Stücken unauffällig, mit manchem Harmoniefehler, und aus dem Synthy kommen die Töne manchmal arg synthetisch, wie z.B. bei „Spotlight Kid“ oder der Anfang von „Perfect Strangers“. Aber immerhin hat Ritchie in ihm einen adäquaten Partner gefunden. Bass (Bob Nouveau) und Schlagzeug (David Keith) hingegen sind sehr gewöhnungsbedürftig. Keith ist sonst der Drummer der Begleitband von Blackmore’s Night und leisere Töne gewohnt. Sein winziges Schlagzeug verliert sich fast auf der Bühne, das Solo bietet 2 min wildes Trommeln. So stellt sich Keith wahrscheinlich Rock vor. Immerhin bekommt er zusammen mit Nouveau einen grundsoliden Drive in die Stücke, mehr aber auch nicht. Der Sänger Ronnie Romero von den Lords of Black hingegen ist neben der Eröffnung des Konzertes mit Highway Star die zweite Überraschung des Abends, und zwar eine gelungene: er gibt ohne Probleme sowohl den jungen („Highway Star“) wie mittelalten („Perfect Strangers“) Gillan, Joe Lynn Turner („Spotlight Kid“), Graham Bonnet („Since You Been Gone“), David Coverdale („Mistreated“) als auch in vielen Stücken seinen grossen Namensvetter Ronnie James Dio (u.a. in „Catch the Rainbow“ und „Stargazer“) und kann dabei wirklich überzeugen. Wie schon Torsten Reitz schreibt, meint man manchmal, Dio selbst steht auf der Bühne, wenn man die Augen schliesst. Über die Background-Sängerinnen lässt sich nicht viel sagen, ausser dass eine von ihnen Candice Night ist, die optisch sehr ansprechende Ehefrau von Ritchie Blackmore.

Ebenfalls optisch auffallend ist das Fehlen der Rock-typischen Marschall-Verstärkertürme, und das ist dann schon eher ein wirkliches Problem. Der Sound ist generell zu leise, vor allem angesichts der doch recht grossen Zuschauermasse. Aus den kleinen Combos für Bass und Gitarre kommt viel zu wenig Druck raus; da hilft dann auch das Abnehmen mit dem Mikro und über die grosse Verstärkeranlage Wiedergeben nichts. Insbesondere Ritchies Gitarre verliert sich in den Soli allzu oft im Gesamtsound, im Begleitsound ist es in Ordnung. Dazu kommt dann aber leider auch seine Einfaltslosigkeit bei den freien Soli, die meist in „Gekniedel“ enden. Da kommen dann gleich mehrere Probleme auf einmal zum Tragen: Ritchie spielt Slide- und normale Gitarre auf einem Instrument; normalerweise wird die Slide-Gitarre umgestimmt. Er benutzt eine Stimmung für alles und liegt prompt mit einigen Tönen daneben, sowohl im Slide- als auch im normalen Spiel. Dazu fällt ihm in den freien Soli nichts mehr ein, und er ist zu leise. Ergebnis ist ein teilweise furchtbares Gekniedel in manchmal falschen Tönen; so etwas ist man von Ritchie Blackmore nicht gewohnt. Aber seine letzten grossen Rockauftritte liegen auch mehr als 20 Jahre zurück, z.B. das sagenhafte Rockpalast-Konzert von 1995, welches ich auch begeistert in Amazon besprochen habe („Ein letzter Höhepunkt in Ritchie’s Lebenswerk“). Leider habe ich da nun recht behalten, es war wirklich der letzte Höhepunkt. Die einstudierten Läufe, Licks und Doppelläufe mit der Orgel sitzen hingegen alle perfekt, die sind tausendmal gespielt. Jeder Song ist sofort an seinem typischen Riff erkennbar, da hat sich nichts geändert. Das ist wohl auch das, an dem sich die Zuhörer aufbauen, zusammen mit dem recht guten Gesang, zumal man live solche Fehler, wie von mir angesprochen, eh meist nicht hört, oder als schlichter Zuhörer nicht erkennt. Da braucht es wahrscheinlich das Musikergehör und die Aufzeichnung; genau deshalb sind ja auch Live-Mitschnitte so „gefährlich“, für Amateurbands noch viel mehr als für Profis, weil bei Amateuren der Unterschied zwischen live Stimmung machen und es sich wirklich anhören können im Allgemeinen viel grösser ist. Ich spreche da aus leidvoller eigener Erfahrung. Was natürlich einerseits die Stimmung vor Ort hebt, im Umkehrschluss aber die Aufzeichnung ziemlich kaputt macht, sind Gesangseinlagen des Publikums, von der Band animiert. Auch davon ist einiges dabei, aber teilweise singen die Zuschauer so falsch, dass es einem die Schuhe auszieht. Das bildet sich bei der entsprechenden Audioaufzeichnung natürlich negativ auf die Band ab. Insofern kann ich dann auch wieder den Bericht von Torsten Reitz nachvollziehen, der ansonsten grosses  musikjournalistisches Knowhow aufweist. Er war vor Ort und ist einfach der Stimmung und dem Zauber erlegen, die wirkliche Qualität zeigt sich eben erst in der Aufzeichnung. Deshalb nehme ich auch an, dass es keine nachträgliche Veröffentlichung auf DVD geben wird; die wird Ritchie wahrscheinlich nicht freigeben.

Fazit: Im Vergleich war das Whitesnake-Konzert besser, aber auch anders. Sowohl David Coverdale als auch Ritchie Blackmore sollten jetzt aber aufhören, Rockmusik noch live darzubieten. Ein Studioalbum und Aufführungen von Blackmore’s Night gehen schon noch, für das andere sind sie schlicht zu alt.

 

24.09.2016                             Joachim Emmert, selbst Jg. 1953

 

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