Rezension Whitesnake: The Purple Album – Back to the Roots, was für ein Brett !

 

Mein lieber Scholli, da hat aber der gute, alte David Coverdale nochmal ein Riesending am Ende seiner Laufbahn hingelegt. „The Purple Album“ ist irgendwie beides: typisch Deep Purple und trotzdem Whitesnake, Technik und Musiker von heute (zumindest die beiden Gitarristen), der Frontmann und Sänger von damals und heute und die genialen Kompositionen von Deep Purple aus den 70ern. Jetzt weiss ich endlich, was Whitesnake in den letzten 15 Jahren gefehlt hat: die richtigen Songs, am Sound hat’s nicht gelegen. Der war aber irgendwie eine leere Schale, die jetzt durch das Songmaterial der DP Mk III & IV Zeit gefüllt wurde und zum Gewitter wird, so dass die damals eigentlich schon gigantischen Deep Purple fast zur Jugendband degradiert werden…. Doch bei aller Begeisterung, erstmal schön der Reihe nach.

Als 1973 die erste legendäre Hochphase der Mk II von Deep Purple mit dem Ausstieg von Gillan und Glover zu Ende ging, war das DIE Chance für einen schüchternen, etwas moppeligen jungen Mann mit Brille bei einer der grössten Rockbands des Planeten anzuheuern, David Coverdale (kurz DC). Er war fortan mit Glenn Hughes am Bass (und ebenfalls Gesang) der neue Frontmann. Der doppelstimmige Gesang war neben zunehmenden Funk-Elementen das Neue an dieser generell etwas unterbewerteten Mk III - Besetzung, nach Ritchies Ausstieg nach 2 Alben folgte mit Tommy Bolin an der Gitarre noch ein Album in der Mk IV - Besetzung. Danach löste sich DP auf und entstand erst ca. 8 Jahre später wieder neu, natürlich im Mk II - Line Up, welches inzwischen Kultstatus erreicht hatte.

Die Songs der Zeit zwischen 1973 und 1975 wurden zwar nicht ganz vergessen. Ritchie, Glenn Hughes und vor allem Coverdale’s neues Projekt Whitesnake hielten einige der alten Kracher wie „Burn“, „Mistreated“ oder „Might Just Take Your Life“ eine Zeit lang in Ihrem Live-Programm am Leben, aber sie fristeten eher ein Schatten-Dasein, auch weil sich Ian Gillan bis heute konstant weigert, die Songs aus dieser Zeit zu singen. Vielleicht hat er damit auch Recht, denn sie passen eigentlich nicht zu ihm.

Coverdale’s Wandlung zum charismatischen Frontmann von Whitesnake ist hinlänglich bekannt, für nahezu 6 Jahre ordnete sich ihm an den Tasten sogar sein ehemaliger Chef Jon Lord unter, bis der schliesslich zu den wieder auferstandenen Deep Purple zurückkehrte. Das war 1984, nach Fertigstellung der „Slide it in“, um direkt mit der Arbeit an „Perfect Strangers“ zu beginnen. Bei Whitesnake wurde dann alles härter, aber immerhin war das dann folgende „1987“-Album sowohl künstlerisch (John Sykes, Don Airey) als auch kommerziell ein grosser Erfolg. Dass sich jetzt DC etwa 40 Jahre später die Songs aus seiner Deep Purple Zeit nochmals vornimmt – eigentlich war es die Idee seiner Frau Cindy – ist in gewissem Sinn auch dem Tod von Jon Lord geschuldet. Es gibt eine Geschichte dazu, welche DC im gut aufgemachten Booklet ausführlich erzählt. Die Song-Texte gibt es dafür dann im Internet zum Nachlesen.

Die Aufmachung der CD ist gut, ebenso das Spiel mit den Worten: ein Album mit dem typischen Whitesnake-Siegel in tief-violett, „The Purple Album“ eben… Die Songliste ist hervorragend, und eine Art „Best of DP Mk III & IV“, was es bekanntlich nie gab und sich schon in einer entsprechenden Playlist der Originale offenbart. Diesen Spass habe ich mir gemacht und mir so die Zeit bis zum Eintreffen der CD „vertrieben“. Gespannt war ich auf die Umsetzung der Original-Gitarren (Blackmore/Bolin) und der Keyboards des „Meisters“, seines grossen Mentors, Jon Lord. Wichtig ist m.E. nicht, möglichst genau nachzuspielen, sondern authentisch zu bleiben, sowohl als Band (hier die aktuellen Whitesnake) als auch die Songs betreffend. Aber da hat DC keinerlei Probleme, das Covern eigener Songs Jahre später ist DAS erfolgreiche Kerngeschäft von Whitesnake (Nomen est Omen, COVER-dale…!), und bei ALLEN 13 ausgewählten Songs war er in den 70ern Mitautor. Zudem ist, wie ich schon vermutet hatte, das vorliegende Whitesnake-Album mit Purple Songs auch eine nachträgliche Hommage von DC an den verstorbenen Jon Lord, nachdem er ja beim Celebrating Concert im April 2014 noch mit Abwesenheit geglänzt hatte. Seine Widmung im Booklet gilt aber auch dem ebenfalls (schon lange) verstorbenen Tommy Bolin, sowie den noch lebenden DP-Mitgliedern von damals: Ian Paice, Ritchie Blackmore und Glenn Hughes.

Wie DC erzählt, hatte er zunächst vor, nach Jon’s Tod ein Projekt zusammen mit Ritchie Blackmore zu machen, was aber wohl an dessen Management scheiterte. Also entschloss er sich dann, nach Diskussion mit seiner Frau Cindy, daraus ein Whitesnake-Projekt zu machen. Vielleicht erklärt das, weshalb beide mit Ihren Beiträgen zu Jon Lord’s Tod verspätet rüber kamen.

Von der letzten Whitesnake-Besetzung (das ist ja sowieso immer nur eine Momentaufnahme) sind der zweite Gitarrist Reb Beach und der Bassist Michael Devin übrig geblieben, wobei dieser in den letzten 5 Jahren um ungefähr 20 Jahre gealtert sein muss, den Bildern nach zu urteilen…! An den Drums holt DC einen alten Weggefährten aus den späten 80ern/frühen 90ern zurück, Tommy Aldridge, der mir damals eigentlich nicht so gut gefallen hat (Denny Carmassi war besser). Ja, und beim „Gitarren-Kleisterer“ Doug Aldrich hat es wohl mit dem Deep Purple Material nicht so gut funktioniert, so dass man sich nach 10-jähriger Zusammenarbeit sogar trennte (....& pretty soon it was obvious it wasn’t working as positively for either of us as before &…..). Das hatte dann eine weitere Verzögerung zur Folge, bis Michael Devin und Reb Beach dann im Studio in Reno auftauchten und mit viel Engagement das Projekt voranbrachten. Reb Beach wurde schliesslich sogar Co-Producer und zum neuen Bandleader von Whitesnake befördert. Für mich sonnenklar: Doug Aldrich hat zwar eine sehr „präsente“ und laute Gitarren-Technik, aber weder Kreativität noch Feeling, wie ich selbst bei einem Whitesnake-Konzert in Stuttgart 2003 erleben durfte. Deshalb war er dem eher anspruchsvollen Material aus der Feder von Ritchie Blackmore nicht gewachsen…. DC wollte bei Whitesnake schon immer 2 Gitarren, möglichst eine Les Paul und eine Fender, jetzt hatte er einen Fender-Mann als neuen Bandleader, also musste noch die 2. Gitarre her, eine Les Paul. An der wurde schliesslich der neue Gitarrist Joel Hoekstra verpflichtet, der auf dem Album auch für die akkustischen Parts verantwortlich zeichnet. Wie man erstaunlicherweise feststellt, fehlen die Keyboards gar nicht so sehr, wenn 2 Gitarren eingesetzt werden, schon immer eine der Prämissen von Whitesnake. Trotzdem hatte man immer einen Keyboarder dabei, wenn auch oft sehr im Hintergrund. Jon Lord, Don Airey und Lester Mendez waren da wohl die leuchtenden Ausnahmen. Für das Purple Album konnte man Derek Hilland als Gast-Keyboarder gewinnen; hier und da mit guten Beiträgen, aber natürlich kein Vergleich mit Jon Lord. Aber das war vielleicht auch gar nicht gewollt. Songs, in denen ein Jon Lord im Original brilliert, z.B. am Synthesizer, werden dann eben akkustisch umgesetzt, wie z.B. „Sail Away“, und bekommen dadurch einen völlig anderen Charakter. Ebenfalls akkustisch kommt „Soldier of Fortune“ daher, schon im Original von Blackmore und Coverdale als sanfte Ballade angelegt. Hier gibt es den schönen Vergleich zur ebenfalls akkustischen Version mit Steve Balsamo und Sandi Thom vom „Celebrating“ Conzert. „Holy Man“, das im Original von Glenn Hughes gesungen wurde, ist ebenfalls am Anfang akkustisch, nimmt dann aber Fahrt auf. Insgesamt kommen die Songs kraftvoll im modernen, harten Whitesnake Sound rüber, das unangenehme völlige „Zukleistern“ von Doug Aldrich ist nicht mehr da, und Reb Beach setzt seinen Fuss behutsam in die grossen Stapfen von Ritchie Blackmore, alle Achtung! Die Rhythmussektion arbeitet berserkermässig, und DC ist wieder besser bei Stimme als zuletzt.

Meine Anspiel-Tips sind der Opener „Burn“, „Love Child“, „The Gypsy“, unbedingt „Mistreated“ (in den Anfangsjahren im Whitesnake-Live-Programm), “Might Just Take Your Life“, das erstaunlicherweise ohne Keyboards auskommt, obwohl das im Original noch ein Jon Lord-Special ist, ein fantastisches „You Keep on Moving“, das akkustische „Soldier of Fortune“ und zum guten Schluss ein tornadoartiges „Stormbringer“, deutlich besser als das Original.

David Coverdale hat als 21-Jähriger seine Karriere bei Deep Purple begonnen, eventuell beendet er sie jetzt als 63-Jähriger (ein Jahr älter als ich) mit einer fantastischen Neufassung der damaligen Songs. Nicht alles war Gold auf dem über 40-jährigen Weg, aber er konnte ein paar Meilensteine setzen. Für mich waren/sind das: Burn (1973, DP), Live in the Heart of the City (beide Alben, 1978/1980, Whitesnake), 1987 (1987, Whitesnake), Coverdale & Page (1993) und The Purple Album (2015, Whitesnake).

Selten, dass mich, vor allem in neuerer Zeit, eine Neuerscheinung so überzeugt, ja begeistert, hat. Daher volle 5 Sterne, wenn nicht sogar mehr, aber die Grundlage stammt eben von Deep Purple…. Muss ich dazu noch mehr sagen…???

 

Grüsse Joe.

 

 

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